Andere Verkehrsteilnehmer richtig einschätzen
Im Straßenverkehr treffen Menschen mit sehr unterschiedlichen Fahrzeugen, Fähigkeiten und Schutzmöglichkeiten aufeinander. Ein Pkw schützt seine Insassen durch Karosserie, Gurte und Assistenzsysteme. Zu Fuß Gehende, Radfahrende, Motorradfahrende oder Menschen im Rollstuhl haben diesen Schutz nicht. Große Fahrzeuge wiederum haben andere Sichtbereiche und benötigen deutlich mehr Raum.
Sicheres Fahren bedeutet deshalb, nicht nur die eigene Fahrspur zu beobachten. Wer vorausdenkt, fragt sich ständig: Wer könnte gleich meinen Weg kreuzen? Wer kann mich vielleicht nicht sehen? Wer braucht mehr Zeit? Wer kann sich unerwartet bewegen?
§ 1 StVO verlangt ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht. Gegenüber Kindern, hilfsbedürftigen und älteren Menschen verlangt § 3 StVO zusätzlich eine Fahrweise, die eine Gefährdung ausschließt – insbesondere durch geringere Geschwindigkeit und Bremsbereitschaft.
Praxisbeispiel: Du siehst am rechten Fahrbahnrand einen älteren Mann mit Rollator. Auch wenn er noch nicht auf die Fahrbahn tritt, reduzierst du frühzeitig die Geschwindigkeit und hältst genügend Seitenabstand.
Merke: Je verletzlicher oder schwerer einschätzbar ein Verkehrsteilnehmer ist, desto größer muss deine Sicherheitsreserve sein.
Öffentliche Verkehrsmittel und Straßenbahnen
Öffentliche Verkehrsmittel bewegen viele Personen gleichzeitig. An Haltestellen ist deshalb jederzeit mit Personen zu rechnen, die zur Fahrbahn gehen, aussteigen oder zwischen Fahrzeugen hervortreten. Straßenbahnen kommen zusätzlich oft auf Gleisen in der Fahrbahn vor und können nicht seitlich ausweichen.
An haltenden Linienbussen, Straßenbahnen und gekennzeichneten Schulbussen darf auch im Gegenverkehr nur vorsichtig vorbeigefahren werden. Steigen Fahrgäste ein oder aus, darf rechts nur mit Schrittgeschwindigkeit und mit so großem Abstand vorbeigefahren werden, dass niemand gefährdet oder behindert wird. Wenn nötig, musst du warten.
Beim Abbiegen sind Schienenfahrzeuge sowie Linienbusse auf gekennzeichneten Sonderfahrstreifen besonders zu beachten. Ihre Größe und ihre feste Fahrspur machen spontane Ausweichmanöver schwierig oder unmöglich.
Praxisbeispiel: Eine Straßenbahn hält ohne eigene Haltestelleninsel. Fahrgäste steigen über die Fahrbahn ein. Du fährst nicht einfach an den Fahrgästen vorbei, sondern passt deine Geschwindigkeit so an, dass jede Gefährdung ausgeschlossen ist.
Merke: Haltestellen sind Konfliktzonen. Rechne immer mit querenden Fahrgästen.
Linienbusse und Schulbusse mit Warnblinklicht
Für Linienbusse und gekennzeichnete Schulbusse gelten an Haltestellen besondere Regeln. Nähert sich ein solcher Bus einer gekennzeichneten Haltestelle mit eingeschaltetem Warnblinklicht, darf er nicht überholt werden.
Hält der Bus an der Haltestelle mit Warnblinklicht, darf nur mit Schrittgeschwindigkeit vorbeigefahren werden. Dabei muss ausreichend Abstand eingehalten werden, damit Fahrgäste nicht gefährdet oder behindert werden. Diese Schrittgeschwindigkeit gilt auf derselben Fahrbahn auch für den Gegenverkehr.
Will ein Linienbus oder Schulbus von einer gekennzeichneten Haltestelle abfahren, musst du ihm das Abfahren ermöglichen. Wenn erforderlich, musst du warten.
Praxisbeispiel: Ein Schulbus steht rechts mit Warnblinklicht. Auf deiner Fahrbahnseite laufen Kinder vor dem Bus zur Straße. Du reduzierst auf Schrittgeschwindigkeit und bist jederzeit anhaltebereit. Auch ein entgegenkommendes Fahrzeug muss auf derselben Fahrbahn Schrittgeschwindigkeit einhalten.
Merke: Bus fährt mit Warnblinker zur Haltestelle → nicht überholen. Bus hält dort mit Warnblinker → Schrittgeschwindigkeit.
Haltestellen: Fahrgäste, Türen und verdeckte Sicht
Rund um Haltestellen entstehen typische Sichtprobleme. Busse und Straßenbahnen verdecken Personen, Radfahrende und den Gegenverkehr. Fahrgäste konzentrieren sich häufig auf das Verkehrsmittel und weniger auf den Straßenverkehr. Kinder können unmittelbar vor oder hinter einem Bus auf die Fahrbahn laufen.
Fahre so, dass du vor einer plötzlich auftauchenden Person rechtzeitig anhalten kannst. Halte ausreichend Seitenabstand zu wartenden Menschen am Fahrbahnrand. Rechne außerdem mit geöffneten Türen sowie Personen mit Kinderwagen, Gepäck oder Mobilitätshilfen, die mehr Platz und Zeit benötigen.
Zeichen 224 kennzeichnet eine Haltestelle. Bis zu 15 Meter vor und hinter dem Zeichen darf nicht geparkt werden. Die freie Fläche verbessert Sicht und Zugang.
Praxisbeispiel: Hinter einem haltenden Linienbus ist der Gehweg nicht einsehbar. Statt mit unveränderter Geschwindigkeit vorbeizufahren, reduzierst du deutlich und beobachtest besonders den Bereich unmittelbar vor dem Bus.
Merke: Was ein Bus verdeckt, musst du als mögliche Gefahr behandeln.
Entscheidungssituationen
Bus nähert sich mit Warnblinklicht

Ein Linienbus fährt vor dir mit Warnblinklicht auf eine gekennzeichnete Haltestelle zu.
Richtig handeln: Nicht überholen und Abstand halten.
Begründung: Ein Bus, der sich mit Warnblinklicht einer Haltestelle nähert, darf nicht überholt werden.
Bus hält mit Warnblinklicht

Ein Schulbus steht an der Haltestelle mit Warnblinklicht; Kinder stehen am Fahrbahnrand.
Richtig handeln: Mit Schrittgeschwindigkeit und großem Abstand vorbeifahren; nötigenfalls warten.
Begründung: Beim haltenden Bus mit Warnblinklicht gilt Schrittgeschwindigkeit; Fahrgäste dürfen nicht gefährdet werden.
Gegenverkehr am Schulbus

Auf der Gegenspur steht ein Schulbus mit Warnblinklicht an einer Haltestelle.
Richtig handeln: Auf derselben Fahrbahn ebenfalls nur mit Schrittgeschwindigkeit vorbeifahren.
Begründung: Die Schrittgeschwindigkeit gilt in dieser Situation auch für den Gegenverkehr auf derselben Fahrbahn.
Straßenbahn ohne Haltestelleninsel

Eine Straßenbahn hält; Fahrgäste müssen über die Fahrbahn zum Gehweg.
Richtig handeln: Schrittgeschwindigkeit, großen Abstand halten und nötigenfalls warten.
Begründung: Ein- und aussteigende Fahrgäste dürfen nicht gefährdet oder behindert werden.